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Bedeutung der Vereine für das Gemeinwesen

Ein Rückblick auf 25 Jahre Umweltschutzverein Herzberg

Im ersten Teil des Rückblickes, 25 Jahre Umweltverein, soll der Versuch unternommen werden die Entwicklung von der Bürgerinitiative zum Umweltverein Herzberg nachzuvollziehen. Die Entwicklung der Bürgerinitiative und des Umweltvereins will ich dabei mit Hilfe einiger grundsätzlicher und zum Teil auch theoretischer Darlegungen zur Arbeit der Zivilgesellschaft reflektieren.

Im zweiten Teil möchte ich die Umstände der  Entwicklung von der Bürgerinitiative der Anlieger der Firma Homanit zum Umweltverein Herzberg aufzeigen. Danach werde ich  die Entwicklung und die Probleme der Arbeit des Umweltvereins in den letzten 25 Jahren erläutern. Welche Themen bearbeitete der Verein in den letzten 25 Jahren?  Diese Zeit war auch gekennzeichnet durch eine Entwicklung weg von der Konfrontation hin zur Kooperation. Wo fanden wir Unterstützung und wie wurden zum Beispiel der Petitionsausschuss des Bundestages, die AOK und Medien auf unsere Arbeit aufmerksam? Einige Bilder und Fotos sollen diesen Teil etwas veranschaulichen und auflockern.

 

Vereinsarbeit als Teil zivilgesellschaftlicher Zukunftspolitik

Wie bereits eine Vielzahl  von Politikern vor ihm wies Bundespräsident Christian Wulff  im Jahr 2010  in seiner Weihnachtsansprache auf die große Bedeutung des bürgerlichen Engagement und der Zivilgesellschaft für das Gemeinwesen und die Demokratie hin.

„Der Staat kann im Rahmen seiner Möglichkeiten Menschen in Not finanziell  unterstützen. Aber jemandem Mut zusprechen, jemandem auf die Schulter klopfen,  jemandem die Hand reichen: Dafür braucht es Menschen. […] Menschen, die sich im Verein  engagieren, im Chor oder in einer  Bürgerinitiative - und alle anderen wissen: Auf die ist immer Verlass. Menschen, die  sich mit anderen zusammentun, um neue Ideen zu verwirklichen. Die sich für Ämter  zur Verfügung stellen, weil sie sich für ihre Stadt, für unser Land, für unsere Demokratie verantwortlich fühlen. Wer sich so engagiert, bekommt viel zurück. Ehrenamtliche leben übrigens auch länger. […] Jeder muss spüren: Ich gehöre dazu, ich werde gebraucht.“ (Aus der Weihnachtsansprache von Bundespräsident Christian  Wulff am  25.12.2010)

Politikwissenschaftler formulieren die Bedeutung der Vereine und Zivilgesellschaft etwas abstrakter. „Die einfachste, direkte und intuitive Definition, […] lautet, dass die Zivilgesellschaft  eine Reihe verschiedener nicht-staatlicher Institutionen ist, stark genug, um ein Gegengewicht zum Staat zu bilden, doch ohne ihn daran zu hindern, seine Rolle als Friedenshüter und Vermittlungsinstanz für die wichtigen Interessengruppen zu  spielen, und gleichwohl fähig, ihn daran zu hindern, die übrige Gesellschaft zu beherrschen und zu atomisieren.“ (Ernest Gellner 1995, S.14)

Während Ansgar Klein in der Zivilgesellschaft eine unabgeschlossene Suchbewegung nach Handlungsmöglichkeiten  gesellschaftlicher Akteure zur Herstellung und Fortentwicklung demokratischer   Formen der Politik sieht.   (Ansgar Klein 2001, S. 252)

Die Bürgerinitiative und später der Verein für Umweltschutz Herzberg war oder ist eine solche gesellschaftliche Organisation, ein Teil Zivilgesellschaft, die für viele Herzberg und Bewohner des Landkreises Osterode Ansprechpartner bei ökologischen Fragen und Umweltproblemen ist. Die Bürgerinitiative der Anlieger der Firma Homanit oder später der Umweltverein Herzberg  kann und wollte durch ihre Arbeit nicht die Arbeit staatlicher Institutionen ersetzen. Sie waren ein Sammelbecken für Menschen, um kollektiv ein Gegengewicht zu den institutionellen politischen Instanzen oder der wirtschaftlichen Macht eines Betriebes zu bilden und um den von Umweltbelastungen betroffenen Bürgern eine Stimme zu verleihen.

 

Der Bürgerprotest formiert sich

Als die Anlieger der Firma Homanit vor etwa 25 Jahren, im Sommer 1986 sich zu einer Bürgerinitiative formierten, wollten sie die nicht mehr hinnehmbaren Geruchsbelästigung durch die Kläranlage von der Firma Homanit beseitigen. Diese Geruchsbelästigungen führten zu gesundheitlichen Problemen nicht nur bei  den direkten Anliegern. Allerdings führten die bei der Firma und der Stadt von uns vorgetragenen Beschwerden zunächst nicht zu einer nachhaltigen Verbesserung der Situation.


(Mit diesem Plakat, begann der sich öffentlich artikulierende Bürgerprotest im Sommer  1986 in Herzberg)

Wir haben uns damals gefragt, warum nimmt man die Beschwerden der Anlieger von Seiten der Firma, der Stadt und den beteiligten Behörden nicht ernst oder warum kam es trotz vieler Versprechungen der Verwaltungsvertreter  nicht zu einer Entlastung der Nachbarschaft? Als Bürger, die auf Recht und Ordnung und auf die funktionierende Aufsicht der Fachbehörden und die Ordnungskraft der parlamentarischen Demokratie vertrauten, waren wir zunächst enttäuscht von der Arbeit dieser, dem Allgemeinwohle und der Rechtstaatlichkeit verpflichteten, staatlichen  Einrichtungen.

Durch die Akteneinsicht im Rahmen einer privatrechtlichen Klage, die Familie Menge wegen Körperverletzung gegen die Besitzer der Firma einreichte, wurde das Versagen bzw. das Dilemma der zuständigen Gewerbeaufsicht und der Stadtverwaltung deutlich. Mit wirtschaftlichen Argumenten, so schien es, wurde von Seiten der Firma die Umsetzung der von der Fachaufsicht festgesetzten Auflagen immer wieder hinausgezögert.

Wir erkannten das Dilemma in dem Politik und Gewerbeaufsicht steckten und kamen als betroffene Anlieger zu der Erkenntnis:  Wir müssen unsere Interessen mit mehr Nachdruck  öffentlich machen und selber  vertreten. Einige Anlieger trafen sich und überlegten die nächsten Schritte.

Hans-Peter Dürr, Träger des Alternativen Nobelpreises und Mitglied des Club of Rome beschreibt das behördliche Dilemma wie folgt:
„Ohne Zweifel ist es die Aufgabe des Staates und seiner Institutionen, die Rahmenbedingungen und Spielregeln für eine freie Wirtschaft so vorzugeben, dass  sich im freien Spiel der Marktkräfte auch die notwendigen Voraussetzungen für  ökologische Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit ergeben. Es ist jedoch  offensichtlich, dass die Politik mit dieser Aufgabe de facto überfordert ist. Ihre Kräfte werden durch die immer schwieriger werdende Tagespolitik aufgezehrt und dies    insbesondere, weil keine langfristige Perspektive existieren und nicht Anstalten gemacht werden, solche zu entwickeln.“ Hans-Peter Dürr, 2009 „Warum es ums  Ganze geht“, S. 124

 

Die Bürgerinitiative wurde aus der Not geboren

Durch die Organisation der Betroffenen in einer Bürgerinitiative entstand zunächst eine kleine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Wir wurden aktiv, knüpften ein Netzwerk von Kontakten, tauschten Informationen aus und suchten uns fachliche Unterstützung. Ein erster Schritt war das Malen von Transparenten und Sammeln von Unterschriften. Diese Aktivitäten erregten Aufmerksamkeit und brachten etwas Bewegung in die öffentliche Diskussion.

(Die Bilder zeigen einige Plakate und Transparente, die in der Nachbarschaft der Firma Homanit die Belastung der Anlieger zum Ausdruck brachten.)

Wir verstärkten die Öffentlichkeitsarbeit. Wir schrieben Leserbriefe an die örtlichen Zeitungen, artikulierten Forderungen an die Behörden, stellten Infomappen zusammen, sammelten Unterschriften, führten Befragungen in Arztpraxen durch, vertraten unsere Interessen auf Ratssitzungen, werteten den Briefverkehr der Firma mit dem Gewerbeaufsichtsamt aus und informierten über die Medien die Bevölkerung und durch Briefe die Kommunalpolitiker und Behörden über unsere Erkenntnisse. Somit wurde stetig der Druck auf die zuständigen Aufsichtsbehörden erhöht. Wenn man etwas ändern will muss man aktiv werden.

Jokob von Uexküll, schreibt in seinem Beitrag zu „Dreißig Jahre Right Livelihood Award- und wie weiter?“ im Rückblick und Ausblick zivilgesellschaftlicher Zukunftspolitik: „Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie etwas ändern können, dann kann sehr  schnell sehr viel passieren.“  ( Geseko von Lüpke, Peter Erlenein,2010 „Der  Alternative Nobelpreis“, S. 242,)

Dies spürten wir auch in Herzberg. Gegen den Gestank der Firma sammelten wir in den ersten Tagen mit Hilfe vieler Anlieger die von Tür zu Tür gingen 2000 Unterschriften. Eine Ratssitzung beschäftigte sich mit dem Thema. Wir merkten, wenn man Probleme lösen will braucht man Unterstützung von Fachleuten und versucht aus den Erfahrungen anderer Bürgerbewegungen Nutzen zu ziehen. Wir schauten uns nach gleichgesinnten Organisationen um und wurden Teil einer überregionalen Bewegung. Wir wurden Mitglied des Landesverbandes der Bürgerinitiativen Umweltschutz (LBU), in dem sich Bürgerinitiativen,  Umweltinitiativen und Vereine zusammenfanden, um sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam diese Welt etwas besser zu machen. Jede Gruppe arbeitet vor Ort selbständig an recht unterschiedlichen Themen. Man tauscht sich regelmäßig über die Arbeit aus und unterstützt sich bei gemeinsamen Vorhaben. Der LBU half uns später bei der Gründung des Umweltvereins. Wir wurden Teil eines  Prozesses, in dem wir versuchten durch Menschen geschaffene Probleme durch unser Engagement zu lösen.

Unser Weg war zum Teil steinig, die öffentliche Diskussion wurde mit harten Argumenten geführt. Man warf uns vor der Verein gefährde Einkünfte durch den Fremdenverkehr und die Arbeitsplätze bei der Firma Homanit.  Innerhalb der Bürgerinitiative prallten unterschiedliche Vorstellungen aufeinander.  George Monbiot beklagt, die verloren gegangene Fähigkeit der Menschen Solidarität zu üben und gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten. Als die Bürgerinitiative größer und größer wurde, trafen immer mehr Meinungen und Ideen aufeinander und der Wettbewerb der Ideen und der Menschen, die sie vortrugen, wurde zum Problem der Arbeit in der Bürgerinitiative.

„Gelegentlich versammeln wir uns zu Kundgebungen und Demonstrationen, aber   sobald wir über Alternativen zu diskutieren anfangen, wird jede Solidarität durch eigennützigen Individualismus  zertrümmert […] Wir stehen vor der Herausforderung,  ein System zu bekämpfen, das wir längst verinnerlicht haben.“ (The Guardian, 5.Januar 2010)

Nicht immer war es einfach die vielen individuellen Vorstellungen und Motive zusammenzuführen. Einige Mitglieder wollten auch anderer Probleme in Herzberg angehen. Der Kern der Bürgerinitiative wollte weiter den Weg der Solidarität gehen, betroffene Menschen zusammenbringen, miteinander reden  und Dinge verändern, die uns störten. Wir wollten die Welt etwas verbessern und die negativen Folgen des Handels von in der Marktwirtschaft agierender  Unternehmen und Behörden für die Umwelt und die Nachbarschaft reduzieren. In der Bürgerinitiative entstanden Zuständigkeitsprobleme. Wer darf für die Initiative sprechen? Wer ist für was zuständig?

Die Auseinandersetzungen, zum Bespiel mit den Vertretern der Firma Homanit, wurden heftiger. Es drohten Kosten und Risiken von Rechtsstreitigkeiten, die abgedeckt werden mussten. Der Erfolg unserer Arbeit schweißte uns zusammen. Zuständigkeiten und  Verantwortlichkeiten mussten geregelt werden. Ein Verein für Umweltschutz musste in Herzberg entstehen.

 

Aus der Bürgerinitiative  wurde ein Umweltverein, der die Zukunft mitgestalten wollte

Der harte Kern der Bürgerinitiative erarbeitete eine Vereinssatzung. Organisierte eine Gründungsversammlung und lies den Verein ins Vereinsregister eintragen.  Durch die Gründung des Vereins und den Eintrag ins Vereinsregister konnte der Umweltverein  die Anerkennung der Gemeinnützigkeit beantragen. Wir konnten nun Mitgliedsbeiträge und Spenden einsammeln und diese konnten von den Spendern steuerlich abgesetzt werden.  Mitglieder wurden geworben. Der Vorstand wurde durch Wahlen legitimiert und vertrat die Interessen der Vereinsmitglieder nach außen. Der Verein hatte nun eine Stimme und diskutierte die unterschiedliche Meinungen der Mitglieder in den Arbeitsgruppen und in den Mitgliederversammlungen. Durch die Mitgliedsbeiträge und Spenden verfügte der Verein über die notwendigen finanziellen Mittel um sich bei Genehmigungsverfahren von Rechtsanwälten und Fachleuten beraten zu lassen. In den folgenden Jahren begleiteten wir mehrere Genehmigungsverfahren allein bei der Firma Homanit.

Jakob von Uexküll  schreibt: „Ob dies (die Ausplünderung unseres Planeten zu stoppen) noch rechtzeitig oder  erst zu spät erfolgt, um unsere Enkel zu retten, hängt davon ab, wie viel Energie, Zeit  und Geld jeder Einzelne von uns jetzt investiert, um Teil dieses Lösungsansatzes zu  werden und die Plünderung unseres Planeten aufzuhalten, durch die ihm „Gewinne“   abgerungen werden, die er sich nicht leisten kann. Unsere politischen Führer, die den zunehmenden Raubbau – den Kult der Privatisierung und des Wachstums – seit Jahrzehnten ermutigt und ermöglicht haben, werden mit diesem  Veränderungsprozess nur schwer zurechtkommen. Deshalb müssen wir uns möglicherweise andere suchen, die mehr Charakterstärke, Moral und Fähigkeiten besitzen, ihr Denken und Handeln wieder in Einklang mit den materiellen und immateriellen Grundlagen unserer Existenz zu bringen.“ (Jakob von Uexküll, 2010, „Der alternative Nobelpreis“ S. 245)

In Herzberg fanden sich über 100 Bürger unter dem Dach des Umweltvereines zusammen, die  für die Erhaltung der natürlichen Umwelt und die lebenswerte Zukunft ihrer Kinder und Enkel aktiv eintreten wollten. Unter diesen Gründungsmitgliedern waren auch Herzberger Ratsmitglieder und Mitglieder der im Stadtrat vertretenen Parteien.

Wir wollten nicht nur gegen etwas auftreten, dies taten wir in den Anfängen der Bürgerbewegung, sonder uns für die Verbesserung der Lebens- und Umweltbedingungen in unserer Region einsetzen. So wollten wir unseren kleinen Teil Verantwortung für den Erhalt einer lebenswerten Welt für unsere Kinder übernehmen. Viele aktive Mitstreiter im Umweltverein waren zum Zeitpunkt der Gründung des Vereins Eltern von kleinen Kindern, die diese Verpflichtung auf besondere Weise spürten.

Im Umweltverein bildeten sich die folgenden drei Arbeitskreise, die das in der Bevölkerung geweckte Interesse an Umweltthemen der Region zu arbeiten bündelten. Eine Gruppe  bildete den Arbeitskreis „Juessee“. Er befasste sich mit dem Zustand, der Belastung und dem Schutz des Juessees und seiner Zuflüsse. Ein weiterer Arbeitskreis war der Arbeitskreis  „ Luft“. Er suchte nach Informationen zur  Zusammensetzung der Atemluft in Herzberg und wie Belastungen abgebaut werden können. Der dritte Arbeitskreis, der Arbeitskreis „Verkehr“, analysierte die Verkehrssituation und strebte die Entlastung von Anliegern und Lösungen für die Förderung des nichtmotorisierten Verkehrs in Herzberg an.

Wir fanden  mit unseren Ideen und Vorschlägen Gehör bei den Herzberger Bürgern, die ihrerseits weitere Ideen einbrachten. Bei den Mitarbeitern der beteiligten Aufsichtsbehörden, den Sachbearbeitern in den zuständigen Verwaltungen, den Entscheidungsträgern  der Firmen , bei den Herzberger Kommunalpolitikern und  bei einigen Fachleuten, die mithelfen wollten Probleme zu lösen, fanden wir Gehör. Darunter auch Mitarbeitern von Firmen, deren Umweltbelastungen wir kritisierten. Sie  alle halfen uns unser Anliegen besser zu formulieren, weiterzutragen und den Handlungsdruck für die Verantwortlichen in Wirtschaft und staatlichen Einrichtungen zu erhöhen.

Bei unserer Arbeit suchten wir immer wieder den Kontakt mit den Verantwortlichen in den Verwaltungen. Hilfreich war bei unserer Arbeit der Kontakt zu Ratsmitgliedern und der Informationsaustausch mit anderen Bürgerinitiativen im LBU Niedersachsen.  Auskünfte und Unterstützung rechtlicher Art bekamen wir von Arbeitskreis „Umwelt und Recht“ des LBU aus Göttingen, einem Zusammenschluss angehender Umweltjuristen, von Bauingenieuren aus der Region, denen Teile der Anlagen der Firma Homanit  bekannt waren und von Fachleuten des Ökoinstitutes Darmstadt.

Die Geruchsbelästigung durch die Firma Homanit war zunächst immer noch ein wichtiges Thema des Umweltvereins in der Anfangszeit. Wir beteiligten uns aber auch an der Suche nach einer Lösung für die Anbindung des Stadtteils Aue durch einen Rad-und Fußgängertunnel.  Wir sammelten mit unseren Kindern Müll am Juessee und forderten ein Begutachtung des Sees,  damit das Gewässer den Herzbergen als Fisch- und Badegewässer langfristig erhalten werden kann.

 

Der Herzberger Umweltvereins sucht Gesprächspartner auf Landes- und Bundesebene

Wir stellten Anfragen an den Petitionsausschuss des niedersächsischen Landtages und des Bundestages und machten auch dort auf die Vorgänge in Herzberg aufmerksam. Das Landesparlament und die übergeordneten Behörden der örtlichen Gewerbeaufsicht wurden aufmerksam und unsere Probleme wurden auf Kreis-, Landes- und Bundesebene von den Entscheidungsträgern aufgegriffen.

Durch Eingaben an den Petitionsausschuss des Landtages und mehrere  Anfragen an Landespolitiker konnte der Verein erreichen, dass in Herzberg eine LÜN-Messstation errichtet wurde. Mit Ihr wurden Luftschadstoffe über fast zwei Jahre gemessen. Durch die Messungen konnte der Verein einen Überblick über die Entwicklung der Luftbelastung in der Region gewinnen und die Herzberger besser über die Luftbelastung  informieren.

An den Petitionsausschuss des Bundestages wendete sich der Verein für Umweltschutz, weil die durch die Deutsche Bahn (damals war der Bund noch Eigentümer der Bahn) einmal für den höhengleichen Bahnübergang  errichtete Fußgängerbrücke im Stadtteil Aue/Kastanienplatz  durch Fusch beim Bau baufällig wurde. Der Abriss und der Neubau sollte zu Lasten der Stadt Herzberg gehen. Der Petitionsausschuss sprach sich später für einen Zuschuss des Bundes beim Abriss der baufälligen Auebrücke aus. Der Stadt Herzberg blieben dadurch zusätzlich finanzielle Aufwendungen erspart.

(Die Bilder zeigen die Arbeit des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages in Herzberg.
Durch eine Eingabe des Vereins für Umweltschutz, der an diesem Tag der Begehung  mit mehreren Mitglieder sowohl an der Sitzung im Rathaus und der Begehung in der Aue beteiligt war, kam der Petitionsausschuss nach Herzberg.)

 

Durch die Widervereinigung 1989 ergaben sich neue Aufgaben

Ein Schwerpunkt der Arbeit des Vereins war in den ersten Jahren  die Begleitung mehreren BI Sch-Genehmigungsverfahren der Firma Homanit. Die Folgen der Vereinigung Deutschlands im Jahr 1989, prägten die Arbeit des Vereins. Wir begleiteten die Planung und den Bau der Lärmschutzwände in Herzberg und beteiligten uns am Raumordungsverfahren zum Bau einer Umgehungsstraße. Wir organisierten eine Fahrraddemo von Herzberg nach Pöhlde und setzten uns für den Bau von Fuß- und Radwegen ein. Durch das Sammeln von Unterschriften bei den Anliegern der Lönsstraße unterstützten wir die Errichtung der ersten Tempo 30 Zonen in Herzberg und traten für die Verkehrsberuhigung des Marktplatzes ein. Oft vertrat der Verein in den mit diesen Vorhaben verbundenen Genehmigungsverfahren, die sich zum Teil über mehrere Jahre hinzogen, die Interessen von  hunderten Herzberger Bürgern.

 

Rechtsstreitigkeiten nahmen zu

Wir waren als Verein  in der Lage uns bei Genehmigungsverfahren rechtlich beraten zu lassen und konnten im Streitfall vor das Verwaltungsgericht ziehen. Dies taten wir in mehreren Genehmigungsverfahren. Die Mitgliedsbeiträge und Spenden machten uns dabei wirtschaftlich unabhängig und vergrößerten den Handlungsspielraum.

Weitere rechtliche Möglichkeiten der Anlieger der Firma Homanit wie Strafanzeigen und privatrechtliche Klagen wurden von ihnen genutzt um den Handlungsdruck zu erhöhen. Das Strafverfahren gegen den früheren Geschäftsführer der Firma wegen nicht Einhaltung der BImSch-Genehmigung und Gewässerverunreinigung der Sieber hatte Erfolg. Auch mit den privatrechtlichen Klagen wegen Körperverletzung konnten sich Anlieger gegen die Besitzer der Firma durchsetzen.  Ein beim Landgericht Göttingen eigeleitetes Strafverfahren der Firma Homanit gegen den Verein für Umweltschutz konnte abgewendet werden und ging zu Lasten der Firma aus. Die Firma musste die Kosten des Verfahrens (etwa 10 000 DM) tragen. Hätten wir den Rechtsstreit verloren, wäre der Verein zahlungsunfähig gewesen.  Der Rechtsanwalt der uns vertrat, wusste dies und half uns zu gewinnen.

 

Statt Konfrontation entwickelt sich die Kooperation

Es kam nach der niedergeschlagenen Strafanzeige der Firma Homanit  zu ersten direkten Gesprächen zwischen Firmenvertretern und Vertretern des Umweltvereins. Diese Gespräche  waren zum Teil durch Vertreter des Gewerbeaufsichtsamtes vermittelt worden. Anfänglich fanden sie bei der Firma Homanit unter Beteiligung der Rechtsanwälte statt.  Auch andere Firmen, Parteien und Verwaltungsvertreter suchten den direkten Kontakt und die Vereinsvertreter  vertraten bei diesen Gesprächen die Bürgerinteressen. Wir bereiteten diese Gespräche im kleinen Kreise vor und berichteten anschließend den Vereinsmitgliedern. Aus der Konfrontation entwickelte sich auf den verschiedenen Ebenen neue Formen der Kommunikation und Kooperation.

Die Methoden mit denen wir Meinungen einholten und der Bevölkerung unsere Informationen zugänglich machten entwickelten sich weiter. Die Zusammenarbeit mit Bürgern, Verwaltung und Kommunalpolitikern vertiefte sich. Die im Rat vertretenen Parteien waren durch Ratsmitglieder im Umweltschutzverein vertreten. Ratsmitglieder waren zeitweise Mitglieder des Vorstandes. Die Zusammenarbeit mit der Stadt Herzberg war zunehmend von gegenseitiger Akzeptanz geprägt.

In Folge des wachsenden überregionalen öffentlichen Interesses an den Problemen in Herzberg und durch Unterstützung der Kommunal- und Landespolitiker konnten die Vertreter des Umweltvereins dem damaligen Umweltminister Remmers ihre Anliegen anlässlich  eines Besuches im Jahr 1988 in Sieber persönlich vortragen.  Wir informierten Herrn Dr. Remmers über die Luft- und Gewässerbelastung der Firma Homanit und baten um Unterstützung beim Abbau der Umweltbelastungen in Herzberg.

(Das Bild zeigt Mitglieder des Vorstandes des Herzberger Umweltvereins im Gespräch mit dem damaligen Umweltminister Remmers in Sieber. Auf dem mittleren Bild erläutert Herr Menge Herrn Remmers die Belästigungen durch die Firma Homanit)

 

Die Arbeit des Umweltvereins wird von der AOK Osterode gewürdigt

Die AOK würdigte im Jahr 1992 die Arbeit des Umweltvereins und verlieh uns gemeinsam mit der Firma Homanit einen Umweltpreis. Die Situation  in der Nachbarschaft der Firma Homanit hat sich im Verlauf der  Jahre, insbesondere durch die Umstellung des Produktionsverfahrens,  allmählich verbessert.  2010, also 24 Jahre nach der Gründung des Verein, wurde diese Produktionsanlage der Firma abgebaut und  in den Iran verkauft. Das Gelände, von dem vor 25 Jahren die Geruchbelästigung im Bereich der Kreuzung Bahnhofstraße /B27 /Göttinger Straße ausging und in dessen Nachbarschaft es damals zur Gründung der Bürgerinitiative und später des Vereins für Umweltschutz kam, hat 2011 den Besitzer  gewechselt und wird nun einer anderen Verwendung (Holzverarbeitung, Lagerung von Pellets) zugeführt.

(Gemeinsam mit der Fa. Homanit bekam 1992 der Verein für Umweltschutz den Gesundheitspreis der AOK. Das Bild zeigt rechts die Firmenvertreter und links die Vertreter des Umweltvereins.)

Später gründete der Verein mit Ärzten aus der Region einen Arbeitskreis Umwelt und Gesundheit und informierte über Informationsveranstaltungen und Zeitungsberichte über gesundheitliche Auswirkungen von Umweltbelastungen.  Ein wichtiges Thema, neben der Information über die Luftbelastung in der Region (im Sommer die Ozonbelastung und im Winter die Schwefeldioxidkonzentrationen), war die Gefahren durch die Schwermetallbelastungen. Der Arbeitskreis  informierte die Bürger nicht nur über die Belastungen, sondern auch über deren Auswirkungen auf die Gesundheit und wie man sich verhalten kann um die gesundheitlichen Belastungen durch die Umweltgifte zu verringern.

 

Medien berichten über die Umweltprobleme in Herzberg

Die Umweltprobleme in Herzberg und die  Aktivitäten des Umweltvereins fanden immer wieder reges Interesse bei den Medien. Der Harz Kurier hat uns oft unterstützt und geholfen die Herzberger  zu informieren und Lösungen zu diskutieren. Eine Zeit lang wurde vom Harz Kurier regelmäßig über die Luftbelastung in Herzberg informiert.

Der Rundfunk und das Fernsehen wurden immer wieder auf die Probleme vor Ort immer wieder aufmerksam und berichteten im Hörfunk und Fernsehen über die Luftbelastung, Gewässergefährdung und Schwermetallbelastung in der Region. Besonders heftig war die öffentliche Diskussion in Folge eines Fokusartikels 1998.

Der Fokus berichtet als überregionale erscheinende  Zeitung   damals mehrmals über die Schwermetallbelastung im Landkreis Osterode. Diese Berichte weckt das Interesse des NDR Fernsehen. In einer 45 minütigen Bericht zur Schwermetallbelastung im Landkreis, der am Abend des 12.8.98 vom NDR 3 ausgestrahlt wurde, diskutieren Vertreter des Landkreises, ein Rechtsanwalt, ein Toxikologe, ein Umweltmediziner  und der Vereinsvorsitzende über das Ausmaß und den Umgang des Landkreises über dieses Problem.  Der Verein hatte bereits vor  Jahren  die betroffenen Gemeinden zum Handeln schriftlich aufgefordert und gemeinsam mit Ärzten und Chemikern die Bevölkerung über die Folgen der Schwermetallbelastung informiert. Blutuntersuchungen und Bodensanierungen werden nach der heftigen öffentlichen Diskussion in den betroffenen Gemeinden  zum Schutze der Bevölkerung, insbesondere der Kinder, auf den Weg gebracht.

 

Danksagung

Wir blicken zurück auf 25 Jahre Arbeit im Dienste der Umwelt. Jahre, in denen Menschen  Probleme, die durch menschliches Handeln entstanden beseitigen haben. Wir haben viele engagierte und hilfsbereite Menschen in diesen Jahren kennengelernt. Einige von uns sind Freunde geworden. Wir haben  die Erfahrung gemacht gemeinsam etwas bewegen zu können. Das macht Mut.
Viele halfen in den letzten 25 Jahren mit die Situation in Herzberg zu verbessern. Allen Aktiven, Begleitern und Unterstützern unserer Arbeit, manche taten dies auch unter riskanten Bedingungen, sei an dieser Stelle gedankt. Sie halfen  mit, die Umwelt in Herzberg zu entlasten und das Leben in Herzberg  lebenswerter zu machen.

 

Dafür vielen Dank im Namen des Vorstandes

J. Menge