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Sind Fahrradfahrer in Herzberg unerwünscht?

Fahrradwege

Unsere Stadt ist mal wieder einen großen Schritt vorangekommen auf dem Wege zur ersten Fahrrad-freien Stadt Deutschlands. Herzlichen Glückwunsch! Zugegeben - das Ziel ist noch nicht erreicht und immer noch wagen sich todesmutige Radler ins Getümmel.

Die werden schon sehen, was sie davon haben! Wer nicht hören und sehen will, der muß fühlen. Das galt schon immer und es gilt erst recht bei uns! Wir Herzerger dürfen stolz auf uns sein. Wir frönen nicht dem Zeitgeist: Nein - nicht Radwege! Wir stellen Verbotsschilder auf. Die sind nicht nur billiger, sie verleiden den Unverbesserlichen hoffentlich je länger desto mehr ihre Lust am Rad.

Daß jetzt endlich auch der Randstreifen an der B 27 verschwindet, das ist schon ein Meilenstein auf dem Weg zum Ziel! Weiter so, Herzberg!

Aber jetzt im Ernst: Liebe Stadtmütter und Stadtväter! Oder: Sehr geehrte Damen und Herren im Straßenneubauamt! (oder wer ist sonst zuständig??) Wo soll’s denn hin in unserer Stadt? Nach Schilda? Sind wir wirklich zu dumm, endlich etwas für die zu tun, denen andere Städte und Gemeinden längst gut ausgeschilderte und einigermaßen sichere Wegenetze anbieten? Vielleicht wagen Sie es ja einmal, zum Beispiel vom Rathaus aus in die Aue zu fahren! Da gehen Ihnen gewiß die Augen auf...

Eine Möglichkeit: Sie betrachten sich als "normale/r Verkehrsteilnehmer/in", nehmen den Weg durch die lebhafte Sieberstraße. Vorm Busbahnhof links ab, natürlich auf die rechte Spur. Sie kommen bei "grün" durch bis zur Post. Stop! "Radfahrer absteigen!" heißt es da gebieterisch. Mitten im Kreuzungsbereich absteigen? Vermutlich steigen auch sie von links aufs Rad? Und hinter Ihnen röhrt ein Lkw ungeduldig. Also: Am besten, Sie lassen sich rechts herüberfallen auf den Fußweg...

Warten Sie die Grünphase für den Querverkehr ab, gehen neben Ihrem Rade brav auf die andere Straßenseite (Sie haben es doch hoffentlich nicht  eilig?), fahren beinahe unangefochten zwischen Pulks von Schülern hindurch bis zur Ampel an der St.-Josefs-Kirche. Und wieder heißt’s: Seitenwechsel. Diesesmal haben Sie vielleicht gleich "grün", Sie gehen hinüber, biegen in die inzwischen wieder etwas ruhigere Göttinger Straße ein und kommen pünktlich zur Rotphase an der Homann-Kreuzung an!

Die Pause brauchen Sie auch, um sich zu wappnen, denn jetzt wird’s lebensgefährlich! Sie biegen ein in die enggeführte B 27. (Dafür ist jetzt in der Straßenmitte viel Platz für Schraffurmalerei!) Und da, wo einmal ein Mini-Radstreifen war, da weisen die Markierungspunkte auf den Asphalt jetzt aus: Radfahrer unerwünscht. Aller Platz den Autos! Am besten, Sie hätten jetzt Flügel, aber dann wären sie ja noch breiter und bevor Sie gestartet wären, hätte sie gewiß ein schnelleres und viel kräftigeres Auto zur Strecke gebracht. Also - bleiben Sie lieber gleich am  Boden! Am besten, Sie warten, bis mal kein Lkw kommt. Und dann nichts wie los!! Beeilung! Da kommt schon wieder einer und noch einer. Schneller!! Sie haben Glück, erreichen nach dem  Engpaß den alten Randstreifen an der Bahnbrücke und sind vorerst in Sicherheit. Bis zum Abbieger am Kastanienplatz. Aber wie kommen Sie jetzt über die Straße? Nur eine Frage der Zeit! Irgendwann gibt’s gewiß eine Lücke im Verkehr. Aber, denken Sie daran: Dann ist  Blitzstart angesagt, denn sonst... Wieso? Fährt denn kein Autofahrer angemessen? Doch! Bisweilen, kommt auch das vor. Sie müssen eben Glück haben! Hoffentlich haben Sie Glück!

Wie Sie nun zurückkommen ins Rathaus, um alle Ihre Eindrücke gleich umzusetzen und Fahrradwege zu planen? Ich will Ihnen nur sagen: Versuchen Sie’s, Sie werden zum zweiten Male Ihr blaues Wunder erleben: Extrem verkürzte Abbiegespur an der Homannkreuzung, kein Weg frei zur St.-Josefs-Kirche! Sie müssen rechts Abbiegen (Richtung Göttingen/Bad Sachsa) und dürfen es doch nicht (Verbotsschild). Gut, daß da ein Parkplatz ist zum Ausweinen!

Fallen Sie aus der Rolle, werden Sie Fußgänger! Die dürfen auch linksherum Richtung lnnenstadt...

Sie haben vom Rathaus aus natürlich auch noch eine zweite Möglichkeit. Betrachten Sie sich nicht als "normale/n Verkehrsteilnehmer/in", vergessen Sie alle Regeln, fahren Sie auf den Fußwegen! Zum Beispiel zwischen der Sieberstraße und der Hauptstraße oder entlang der B27 Richtung Kastanienplatz. Aber - machen Sie sich darauf gefaßt, daß es Fußgänger gbt, die sich sehr darüber ärgern, wenn Sie so daherkommen. Die machen sogar die Kinder und Jugendlichen an, die einfach nicht so viel Mut haben, jeden Tag ihr Leben zu riskieren. Weiter so, Herzberg??

Es gbt übrigens noch viel mehr lebensgefährliche Strecken und zugleich jede Menge guter Ideen und Vorschläge, die auch in den Ämtern längst aktenkundig sind.

 

Aus dem Harz Kurier vom 11. November 1992
von Hans Feilcke (Herzberg)

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