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Erhöhte Krankheitsrisiken für die "B-243-Kinder"

Prof. Dr. Hartmut Ising vom Umweltbundesamt legte Ergebnisse seiner Untersuchungen vor

Bad Lauterberg (be). Professor Dr. Hartmut Ising vom Umweltbundesamt führte im Mai dieses Jahres in Barbis Untersuchungen mit Messungen durch, um im Rahmen einer Lärmentwicklungssutudie die Wirkung von Straßenlärm auf Kinder zu erforschen, die an frequentierten Straßen, wie der B 243/Ortsdurchfahrt Barbis, leben. Die Untersuchung war vom Kinderarzt Gert Lieber (Bad Lauterberg) und HNO-Facharzt Manfred Eilts (Osterode) unterstützt worden. Jetzt hat Professor Dr. Ising wesentliche Teile der Studie beendet und einen Kurzfassungsentwurf vorgelegt. Das Ergebnis gab er in einer Verkehrslärm-Konferenz in Dresden bekannt.

Die Ergebnisse belegten, so der Vertreter des Umweltbundesamtes, dass die derzeitige LKW-Lärmbelastung an der B 243 in Barbis und Osterhagen "zu chronischen Stresshormon-Regulationsstörungen mit direkter Beeinträchtigung der Schlafqualität sowie des Gedächtnisses und der Konzentrationsfähigkeit bei Kindern führt." Langfristig seien erhöhte Risiken für verschiedene Krankheiten zu befürchten.

56 Kinder wurden in Barbis im Alter von 7 bis 13 Jahren medizinisch untersucht und über Lärm- und Stresswirkungen befragt. Außerdem wurde die Ausscheidung von Stresshormonen im Nacht- und Morgenurin gemessen. Die Kinder wohnten an einer Bundesstraße mit 24-Stunden-Lkw-Verkehr sowie in ruhigen Nebenstraßen bzw. einem ruhigen Nachbarort.

In den lärmbelasteten Kinderzimmern wurden Schallpegelmessungen durchgeführt. Die statistische Analyse aller Daten beinhaltete multiple Regressionsanalysen mit Alter, Geschlecht, Größe und anderen Kovariablen.

Der mittlere Verkehrslärmpegel am Straßenrand betrug nach den Ergebnissen dieser Untersuchungen in den Untersuchungsnächten zwischen 65 und 70 db(A); die Tagesmitteilungspegel waren nur 2 bis 3 dB höher. Die Anzahlen der Vorbeifahrten von lauten Lastkraftwagen mit Maximalpegeln über 80 dB(A) lagen in den Untersuchungsnächten zwischen 118 und 315 pro Nacht und zwischen 10 und 62 pro Nachtstunde. Tags und nachts lagen die 1 Prozent Pegel zwischen 81 und 86 dB(A) und die Maximalpegel bis 5 dB darüber.

Dazu Prof. Dr. Harmut Ising: "Die lärmbelasteten Wohnungen waren weitgehend mit Lärmschutzfenster ausgestattet, trotzdem waren die vorbeifahrenden Lkw deutlich zu hören." 87 Prozent der Kinder, deren Innenpegel über 50 dB(C) lagen, öffneten die Fenster kaum.

Die entsprechende Untersuchung zur Beurteilung der Wohngegend brachte nur 3,5 Prozent bessere Ergebnisse. Auch die subjektive Schlafqualität der Kinder zeigte keinen unterschiedlichen Zusammenhang zu Pegelmessungen in dB(A) und dB(C). Dagegen war die nächtliche Ausscheidung des Stresshormons Cortisol und seiner beiden Methaboliten Dehydrocortisol und Cortison deutlich besser mit dem Innenraumpegel in dB(C) und dB(A) korreliert.

Die lärmbelasteten Kinder hatten in der ersten Nachthälfte signifikant höhere Stresshormonwerte. In der zweiten Nachthälfte war die Verteilung breiter als bei ruhig wohnenden Kindern. Bei 6 von 27 lärmbelasteten Kindern war das Verhältnis des freien Cortisols in der ersten Nachthälfte bezogen auf den Wert der zweiten Nachthälfte höher als 0,5, das heisst, der normale Rhythmus von Cortisol mit einem deutlichen Minimum in der ersten Nachthälfte war erheblich gestört. Folge: Unruhiger Schlaf, Wiedereinschlafstörungen nach nächtlichem Erwachen. Die Kinder waren häufiger vergesslich und unkonzentriert und machten viele Fehler bei den Hausaufgaben.

Die Studie lässt den Schluss zu, dass jahrelange nächtliche LKW-Lärmbelastung zu chronischen Stresshormon-Regulationsstörungen bei Kindern führt.

 

Aus dem Harz Kurier vom 30. Oktober 2000