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Im Prinzip sicher

Niedersachsens Landesregierung sieht die Kernkraftwerke im Land als Altlast - Opposition fordert das Abschalten von Anlagen

HANNOVER. "Kernkraftwerk Unterweser: Fehlerhafter Einschaltvorgang einer Notspeisepumpe bei Reaktorschutzprüfung" - so meldete es Eon Kernkraft in Hannover am 11. März. "Das Vorkommnis hatte keine Auswirkung auf den sicheren Betrieb der Anlage". Der Fall lag laut Meldung noch unterhalb der internationalen Skala, mit der "Ereignisse" in Kernkraftwerken bewertet werden.

"Die niedersächsischen Kernkraftwerke entsprechen den derzeitigen sicherheitstechnischen Anforderungen in vollem Umfang", betont Jutta Kremer-Heye, Sprecherin des niedersächsischen Umweltministeriums. Das Ministerium ist für die Atomaufsicht im Land zuständig.

Noch drei Atomkraftwerke sind in Niedersachsen am Netz: Seit 1978 läuft Unterweser in Stadland, 1984 ging Grohnde bei Hameln in Betrieb, 1988 dann "Emsland" in Lingen. Das Kernkraftwerk Stade wurde 2003 abgeschaltet und wird gerade zurückgebaut.

679 meldepflichtige "Ereignisse" kamen (Stand November 2010) laut Umweltministerium in den Betriebsjahren zusammen - doch fast alle Ereignisse "ohne oder geringe sicherheitstechnische Bedeutung". Unterweser schaffte es 1998 immerhin bis auf Stufe 2 ("Störfall"), als eine Sicherheitsarmatur als "nicht verfügbar" angezeigt wurde, sowie 1996 und 2007 je einmal auf Stufe 1 ("Störung"). In Grohnde öffnete sich 1996 "unvorhergesehen"  ein Ventil (Stufe 1). Aufsichtsbehörden und Energieversorger werten die Vielzahl dieser Meldungen prinzipiell als Beleg für den höchstmöglichen Sicherheitsstandard - und nicht etwa als Zeichen für Störanfälligkeit.

Im niedersächsischen Umweltministerium betont man mit Blick auf Japan besonders die nach Einschätzung der Behörden sichere Stromversorgung der niedersächsischen Meiler. "Emsland zum Beispiel hat vier Netzknotenpunkte, die angezapft werden können", sagt Sprecherin Kremer-Heye. Alle Kraftwerke hätten zudem je vier Notstromdiesel für 72 Stunden sowie weitere Notstrom-Notspeisediesel.

"Sie sind auch gegen Erdbeben ausgelegt, Emsland für Stufe 7, die anderen beiden für Stufe 6", betont Kremer-Heye. Gegen Terrorgefahr sei Vernebelung vorgesehen. Die Anlagen würden regelmäßig überprüft, beim Brennelementewechsel gingen sie vom Netz.

Ministerpräsident David McAllister (CDU), wie seine Amtskollegen mit Kernkraftwerken im Bundesland, muss heute der Bundeskanzlerin berichten, wie sicher die Anlagen sind. Der niedersächsische Landtag wird sich spätestens morgen mit der Situation befassen - dann haben alle Fraktionen eine "Aktuelle Stunde" zum Atom-GAU in Japan angemeldet. "Die alten Anlagen wie Unterweser müssen sofort vom Netz", ist der Grünen-Fraktionschef Stefan Wenzel überzeugt. "Niedersachsen ist nicht Japan, aber sowohl die Anfälligkeit der Kühlsysteme als auch die Unfallrisiken durch Erdbeben und Überflutungen sind hierzulande gegeben", so Wenzel.

Die Katastrophe in Japan sei ein Beleg dafür, dass die Risiken der Atomenergie nicht beherrschbar seien, sagt Kurt Herzog von der Links-Fraktion im Landtag. Das älteste Niedersächsische Atomkraftwerk, das AKW Unterweser, sei etwa anfällig für Überflutungen. "Das Material kann ermüden, Aggregate versagen, Risse können sich bilden und Bedienungsfehler sind möglich - das alles kann auch in deutschen Atomkraftwerken passieren", betont Herzog. Von anderen Szenarien ganz abgesehen. "Vernebelung gegen Terrorgefahr ist doch ein Witz", sagt der Grüne Wenzel. GPS-gesteuerte Marschflugkörper seien damit kaum abzuwehren. Die nach Jahren immer noch stillliegenden Reaktoren Brunsbüttel und Krümmel bewiesen die Anfälligkeit der Technik, so Herzog.

Beide liegen nicht in Niedersachsen, doch Regierungschef McAllister dürfte das ähnlich sehen - und das nicht erst seit Japan. McAllister spricht von Kernkraft als Auslaufmodell und ärgert sich zunehmend über Niedersachsens Rolle als "Atomklo". Mit Kanzlerin Merkel wolle er heute auch über das Endlager Konrad und die Asse reden.

 

Aus dem Harz Kurier vom 15. März 2011
von Michael Ahlers