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Ein Jahr nach Tschernobyl

Wo bleiben die politischen Antworten?

Spätestens am 26. April letzten Jahres, dem Tag des Reaktorunfalls in Tschernobyl, sind die von vielen als hypothetisch angesehenen "Restrisiken" bei Atomkraftwerken Wirklichkeit geworden.

Außer Harrisburg und Tschernobyl hat es mehr Störfälle gegeben, als der Öffentlichkeit bekannt war, bei denen die Katastrophe nur im letzten Moment zu verhindern war. Kein Politiker, keine Politikerin kann sich heute noch auf Unwissenheit und Arglosigkeit berufen. Die Regierungsparteien CDU/CSU und F.D.P. propagieren weiterhin die energiewirtschaftliche Nutzung der Kernenergie und mit Planungen von Wiederaufbereitungsanlagen auch die Nutzung von Plutonium. Angesichts der zeitlich und räumlich verheerenden Folgen von Reaktorunfällen sollten sie öffentlich erklären, wie sie im Falle der Kernenergie technisches, in der Regel verbunden mit menschlichem Versagen, hundertprozentig ausschließen können.

Die SPD-Bundestagsfraktion hat dem Bundestag ein Kernenergieabwicklungsgesetz zur Beschlußfassung vorgelegt. Mit ihm wird das Atomgesetz novelloert und für eine notwendigerweise zu konzessionierende Übergangszeit die sicherheitstechnische Behandlung verschärft, um den Ausstieg aus der Kernenergie bis spätestens zum 31. Dezember 1996 zu gewährleisten.

Edith Niehuis, MdB

 

Das letzte Treffen des Arbeitskreises gegen Atomenergie stand unter der Fragestellung: "Ein Jahr nach Tschernobyl - Was hat sich verändert?" Verändert hat sich unsere Lebenswirklichkeit in ihrer Gesamtheit. Nahrungsmittel sind nur noch eingeschränkt verwertbar; bis heute bestehen Unsicherheiten über radioaktive Belastungen von Boden, Luft und Trinkwasser gerade im Kreis Osterode; Hinweise auf Mißbildungen bei neugeborenen Kindern sowie Tieren häufen sich; sogar engagierte Verfechter der Atomenergie räumen ein, daß die Zahl der Krebstoten in den nächsten Jahrzehnten ansteigen wird.

Die veränderte Wirklichkeit hat offensichtlich keine Veränderungen im gesellschaftlichen und politischen Bewußtsein bewirkt. Anstatt aus der Atomenergie auszusteigen und alternative Energieformen zu erforschen und einzusetzen, bauen die Verantwortlichen auch weiterhin auf den Atomstrom. Statt die nächste Katastrophe zu verhindern, bereitet man sich darauf vor und plant sie ein - in Form von Katastrophen-Schutzplänen.

Herzberger Arbeitskreis gegen Atomenergie

 

Aus dem Harz Kurier vom 24. April 1987