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"Die Katastrophe betrifft die gesamte Weltwirtschaft"

Experte: Über Finanzmärkte erreicht die Krise uns alle

BRAUNSCHWEIG. Nicht nur das unfassbare menschliche Leid in Folge der Erdbebenkatastrophe hält Japan und die Welt in Atem. Auch die wirtschaftlichen Folgen könnten katastrophal ausfallen.

"Sogar wenn man die Folgen einer drohenden Nuklearkatastrophe ausblendet, dürfte das Erdbeben erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft haben", sagt Professor Markus Spiwoks, Wirtschaftsexperte an der Ostfalia-Fachhochschule in Wolfsburg. "Kurzfristig gehen die Finanzmärkte in die Knie." Denn das Beben hat die Vermögenswerte zahlloser Unternehmen vernichtet, so dass deren Gewinnaussichten sich verschlechtert haben.

VW in Japan ist bisher glimpflich davongekommen

Branchen wie Auto, Maschinenbau und Elektronik sind das Rückgrat der japanischen Wirtschaft. Sie sind überall da unmittelbar betroffen, wo Produktionsanlagen zerstört sind, die Energieversorgung zusammenbricht oder wo wegen Produktionsstopps bei Zulieferern wichtige Teile ausbleiben.

Die großen Autohersteller Toyota, Honda und Nissan haben Medienberichten zufolge Schäden gemeldet - und zum Teil die Produktion eingestellt. Volkswagen beschäftigt etwa 600 Mitarbeiter an drei Standorten in Japan. "Sie sind unversehrt", teilt Sprecher Fred Bärbock mit. "Auch an den Gebäuden entstand kein Schaden." Mitarbeiter, die sich in Folge des Erdbebens um dringende familiäre Angelegenheiten kümmern müssten, könnten von der Geschäftsführung freigestellt werden.

Der japanische Kleinwagenhersteller Suzuki, an dem Volkswagen knapp 20 Prozent der Anteile hält, scheint ebenfalls glimpflich davongekommen zu sein. Weder Mitarbeiter noch Produktionsanlagen seien zu Schaden gekommen, teilte das Unternehmen mit.

Nach Einschätzung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer drohen der japanischen Auto-Industrie große Einbußen. Derzeit haben japanische Hersteller zwar nur kurze Produktionsunterbrechnungen angekündigt. Im schlimmsten Fall könne es aber bis zu drei Monate dauern, schätzt Dudenhöffer.

Das entspreche einem Produktionsausfall von 2,5 Millionen Fahrzeugen, der nur zu etwa 30 Prozent durch Produktionsausweitungen der Werke außerhalb Japans auszugleichen sei. "Dies entspricht in etwa einem Schaden von 25 Milliarden Euro für die japanische Auto-Industrie", sagt Dudenhöffer, schränkt aber ein: "Es ist noch nicht absehbar, welche Produktionsanlagen wie stark beschädigt wurden - und wie stark Logistikstrukturen für Fahrzeugexport und Fahrzeugproduktion zerstört wurde."

Gravierender als kurzfristige Probleme wie Produktionsausfälle seien die langfristigen Folgen der Katastrophe für die Wirtschaft, glaubt Spiwoks. "Das Land ist extrem verschuldet. Es gibt daher kaum Spielraum für gewaltige staatliche Konjunkturprogramme, die Schäden beheben und der Wirtschaft wieder auf die Beine helfen könnten."

"Keiner kennt das wahre Ausmaß, der Katastrophe"

Als Handelspartner hat Japan für Deutschland keine große Bedeutung. Nur 1,9 Prozent der deutschen Exporte gehen nach Japan, 2,7 Prozent der Importe stammen von dort. Spiwoks glaubt: Die deutsche Wirtschaft wird die dortige Katastrophe dennoch zu spüren bekommen. "Denn wenn zum Beispiel China Verluste auf seinem wichtigen Absatzmarkt Japan hinnehmen muss, können die Chinesen auch weniger deutsche Waren kaufen."

Solche Wechselwirkungen gebe es in der globalisierten Weltwirtschaft zuhauf, so dass das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe noch nicht absehbar sei.

 

Aus dem Harz Kurier vom 14. März 2011
von Marc Chmielewski