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Erfahrungen mit dem "Landgraben"-Tunnel

Bei den "Überlegungen zur Form der Bahn-Untertunnelung im Auebereich könnte es für die Entscheidung vielleicht hilfreich sein, die Erfahrungen zu berücksichtigen, welche die Schnellstraßentunnel-Benutzer mit dieser Unterführung gemacht haben.

Dieser Tunnel ist seit vielen Jahren ein Stück meines täglichen Weges in die Stadt. Morgens durchqueren ihn die Schulkinder, die mit den Bussen aus Pöhlde oder mit der Bahn aus Richtung Hattorf kommen und in das Schulzentrum an der Heidestraße streben. Mit ihnen kommen die Herzberger Schüler aus dem Bereich südlich der Lönsstraße, und etwas später folgen dann die Grundschüler, die zur Nicolaischule gehen. Bis zum Rückstrom nach Schulschluß gehört der Tunnel dann den Erwachsenen, die auch am Nachmittag den Großteil der Benutzer ausmachen.

Den ganzen Tag über mischen sich auch Radfahrer unter die Fußgänger, vor allem morgens und mittags, wenn die Schüler zur Schule oder nach Haus eilen. Und nicht immer steigen die kleinen und großen Radfahrer ab und schieben ihr Fahrrad.

Und trotzdem hat es hier in den mehr als  zehn Jahren, in denen ich diesen Weg benutze, soweit mit bekannt ist, noch keinen Unfall gegeben.

Der Grund für dieses ausgezeichnete Sicherheitsergebnis scheint mit vor allem in der Übersichtlichkeit des Tunnels zu liegen. Noch bevor man am oberen Beginn der abwärts führenden Rampe angelangt ist, kann man die ganze waagerechte Tunnelsohle und einen guten Teil des gegenüberliegenden Anstiegs überblicken. Mit jedem Schritt abwärts wird der Blick auf die Gegenrampe immer weiter hinauf freigegeben, und man überblickt diese schon in ihrer ganzen Länge, bevor man auf der Tunnelsohle angekommen ist. Durchschreitet man diese, so kann man entgegenkommende Fußgänger und Radfahrer sehen (und von diesen gesehen werden!), während sie sich noch auf dem ebenen Teil des Zugangs zur Rampe befinden.

So bereitet es keine Schwierigkeiten, sich auf die jeweilige Situation einzustellen. Radfahrer steigen oben auf dem waagerechten Zugang oder spätestens auf der Abwärtsrampe, ab, wenn sie erkennen, daß sich Fußgänger im Tunnel oder auf dem Gegenhang befinden. Wenn sie sehen, daß bis hinauf zur Gegenseite niemand ihren Weg kreuzen wird, fahren sie auch schon mal durch. Das ist zwar verboten, aber verständlich. Denn schließlich hat dies System der Anpassung an die tatsächlichen Erfordernisse auch funktioniert, als vor einigen Jahren ein paar übereifrige selbsternannte Reformer durch ein Zusatzschild den Tunnel für Radfahrer freigegeben haben. Auch damals hat es keine Kollisionen gegeben.

Ob das Ergebnis bei einem Tunnel mit verschwenkten Rampen und toten Winkeln auch so aussehen würde, steht dahin.

 

Aus dem Harz Kurier vom 21. März 1989
von A. Klostermeier, Goethestraße, Herzberg