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Sprengstoffgifte gefährden Harzer Trinkwasser

Harz. Die Rückstände aus der Sprengstoffproduktion in der Nazizeit bedrohen das Harzwasser in erheblichem Maße mit krebserregenden Nitrostoffen - ohne daß die zuständigen Stellen diesen Umweltskandal ausreichend untersuchen oder gar für Abhilfe sorgen würden. Dieses Fazit zogen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen am Ende des Seminars "Rüstungsaltlasten im und am Harz", das vom Bildungsverein KRAFTZWERG e. V. in Zusammenarbeit mit bundesweiten Initiativen gegen Rüstungsaltlasten (IRA) durchgeführt wurde.

Der Harzraum - damals wie heute bevorzugtes Gebiet für die Trinkwasserversorgung des Umlandes und einiger Großstädte - war während der Nazizeit mit Sprengstoff-Fabriken aller Art "gepflastert". Im Clausthaler "Werk Tanne", der fünftgrößten Sprengstoffabrik des Deutschen Reiches, wurde TNT (Tri-Nitro-Toloul) und DNB (Die-Nitro-Benzol) für Bomben und Granaten hergestellt. In Herzberg wurden Bomben, Minen und.Granaten abgefüllt. In Bad Lauterberg wurde Treibstoff für die (im Kohnstein bei Nordhausen hergestellte) neue V2-Rakete produziert. In Langelsheim und Kunigunde wurde Sprengstoff hergestellt. Im Schimmerwald bei Bad Harzburg war ein großes Munitionsdepot. Und viele kleinere und mittlere Betriebe der chemischen und eisenverarbeitenden Industrie lieferten wichtige Bauteile und Vorprodukte. Die Festung Harz war gleichsam eine Sprengstoff-Hochburg, die einen gewaltigen Menschenbedarf hatte und gleichzeitig riesige Mengen hochgiftige Abwässer produzierte. Im Rahmen einer Exkursion besichtigten die Seminarteilnehmer und -teilnehmerinnen einige dieser Altlasten-Standorte.

Das Nachkriegsschicksal dieser Rüstungsbetriebe ist unterschiedlich: einige wurden von den Alliierten gesprengt oder demontiert (wie Clausthal, Herzberg oder Bad Lauterberg). Andere Fabriken produzieren noch heute (so Kunigunde, Langelsheim oder auch VEB Pyrotechnik in Harzgerode-DDR). Gemeinsam dagegen sei allen die ständige (produktions- oder kriegsbedingte) Verseuchung des Grundwassers mit z. T. krebserregenden Stoffen.

Giftiger noch als die eigentlichen Produktionsrückstände seien heute viele Umwandlungsprodukte dieses Chemiemülls. So sei der Harz heute ein Trinkwassergewinnungsgebiet (lt. regionalem Raumordnungsprogramm gilt der Harz als "Vorsorgegebiet für Trinkwasser in Niedersachsen), in dem riesige Mengen chemischer Altlasten aus der Sprengstoffproduktion lagern. Ihnen sei nur auf die Spur zu kommen, wenn systematisch alle Hinweise auf  eine mögliche Verseuchung durch Nitrostoffe ernstgenommen und sorgfältig
untersucht werden.

Als einen ersten Schritt forderten die Seminarteilnehmer deshalb, alle Trinkwasserbrunnen dieser Region regelmäßig auf Nitrostoffe zu untersuchen. Aus ihrer Erfahrung bei der Suche nach Rückständen und der Aufarbeitung der Geschichte von Sprengstoffabriken heraus stimmten die Seminarteilnehmer überein, daß das Problem "Rüstungsaltlasten" zwar auch den Behörden schon lange be-kannt, aber dennoch bisher weitgehend unbearbeitet sei. Häufig genug würden die Behörden erst aktiv, wenn - initiiert durch einzelne Engagierte - das Altlastenproblem in der Öffentlichkeit breit diskutiert werden.

Die Seminarteilnehmer und -teilnehmerinnen beschlossen, an "ihren" Standorten (nun mit der Unterstützung auch interessierter Auswärtiger) weiterzuforschen und vereinbarten einen regelmäßigen gegenseitigen Informationsaustausch. Weiter wurden gemeinsame Exkursionen an die Standorte geplant, die an diesem Wochenende aus Zeitgründen unbesichtigt blieben. Die Ergebnisse dieses Seminars sollen in einer kleinen Broschüre zusammengefaßt werden, die etwa ab Mitte Juni beim KRAFTZWERG e. V. -· Verein für ganzheitliche ökologische und politische Bildung, Hüttenstr. 8, 3396 Altenau, Telefon 05328-376 (Montag bis Freitag 9 bis 12 Uhr) zu erhalten ist.

 

Aus dem Harz Kurier vom 22. April 1988

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