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Gutachten untersucht Altlasten im Bremketal und Ortsteil Petershütte

Gefährdung durch Rüstungsaltlasten bis heute

Osterode (cap). lm Auftrag des Niedersächsischen Umweltministeriums hat die Planungsgesellschaft Boden & Umwelt Kassel seit 1989 die Umweltgefährdung durch Rüstungsaltlasten im Tal der Bremke und Petershütte untersucht. Stadtbaurat Heinz Geffken lag das Gutachten am Donnerstag im Bauausschuß vor. Zusammenfassend sagte Geffken, das Gutachten habe immer noch nicht die Lage von Absetzteichen und den Verlauf der Leitungen hundert prozentig lokalisieren können. Durch diese Leitungen flossen in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 die giftigen Rückstände der Sprengstoffproduktion im Werk "Tanne" in Clausthal-Zellerfeld . Rückstände, die nach Auffassung der Gutachter, noch heute eine Gefahr für die Umwelt darstellen.

1987 kamen die "Tanne"-Altlasten erstmals in die Schlagzeilen, als der Kurort Bad Grund kein Heilwasser aus einem Brunnen bei Förste mehr ausschenkte. 1987 begann auch der Landkreis damit, Daten über die den Kriegsjahren erfolgte Einleitung hochgiftiger Abwässer in die Bremke und vier tiefe Schluckbrunnen bei Petershütte zu sammeln. Akten gibt es nicht mehr viele, Zeitzeugen können irren, die alten Leitungen sind teilweise überbaut. Alles Schwierigkeiten, die auch die Kasseler Gutachter nur teilweise überwinden konnten.

Geschichte eines Umweltskandals

Im Juni 1939 begann auf einem ca. 150 Hektar großen Werksgelände im Südosten von Clausthal-Zellerfeld die Produktion des Sprengstoffs Trinitrotoluol, kurz TNT genannt. Der Sprengstoff, der in Bomben, Minen und Granaten gefüllt wurde, hinterließ täglich bis zu 6000 Kubikmeter stark verunreinigte Abwässer, die durch eine Rohrleitung in das Kleine Bremketal und von dort über zwei Absetzbecken in die Große Bremke, Söse, Rhume und Leine flossen. Wahrgenommen haben Zeitzeugen "rote" und "gelbe" Abwässer. 1941 starben in der Rhume die Fische, die rote Brühe wurde auf der Leine sogar bis Hannover geschwemmt. Die Trinkwasserversorgung von Hannover war in Gefahr. Also änderten die Sprengstoffhersteller die Praxis. Die Abwässer wurden nun in mehrere Schluckbrunnen bei Petershütte in den Untergrund gepreßt. Dazu bauten sie eine neue Leitung, die unterbrochen von drei Kaskaden teilweise offen ins Tal führte. Ein leichtsinniges Unterfangen, das damals schon Verantwortlichen Kopfzerbrechen bereitete, wie Dokumente belegen. Vom "gesundheitlichen Standpunkt" betrachteten damals die Experten das Schluckbrunnenverfahren als "nicht zulässig". Man wußte, daß die Abwässer, schwerer als Grundwasser, irgendwann in tiefere Schichten absinken und ihr zerstörerisches Werk beginnen. Man tröstete sich mit dem Gedanken, daß man im Kriege nur die Wahl zwischen mehreren Übeln hat und die Abwasserversenkung dabei als das kleinere Übel anzusehen ist.

Schwieriges Aufspüren

Das Aufspüren des alten Leitungssystems war nicht einfach. Bekannt sind die Standorte des Absetzbeckens am Fuße des Sonnenkopfes im Tal der Bremke, ein Speicherbecken neben der heutigen Wäscherei im Bremketal, das bis in die 60er Jahre hinein sogar noch als Feuerlöschteich und Badeteich (!) genutzt worden ist, und der beiden Schluckbrunnen in der Nähe der Kläranlage. Die Lage von zwei weiteren Schluckbrunnen in diesem Gebiet haben die Gutachter nicht genau bestimmen können, auch nicht den konkreten Verlauf der alten Leitung, da sie zum Teil durch bebaute Flächen verläuft. Diese Frage bleibt ebenso offen, wie die Vermutung, daß die in den Abwässern enthaltenen Schlämme in Erdfälle gepreßt worden sind. Aber wo? Die Gutachter gehen nach Auswertung der Unterlagen davon aus, daß ca. 600.000 Kubikmeter Abwässer in die Schluckbrunnen und danach in die Zechsteinsedimente und ca. 4,8 Mio. Kubikmeter Abwässer in die Söse gelangt sind und daß in dem langen Zeitraum bis heute toxische Stoffe in beträchtlicher Menge sowohl ins Tiefengrundwasser als auch in die oberen Grundwasserstockwerke gelangt sind.

Gefährdung bis heute

Das Gutachten kommt zu dem Schluß: "Die Kontaminationen stellen eine Trinkwasser- und somit Gesundheitsgefährdung für den Menschen dar." Als potentiellen Gefährdungsbereich wird die Landschaft zwischen Osterode, Badenhausen, Eisdorf und Förste bis nördlich von Ührde angenommen. Die Schluckbrunnen in Petershütte stellen laut Gutachten sogar "ein erhebliches Gefährdungspotential für die Umwelt dar." Über das tatsächliche Ausmaß der Gefährdung müssen weiterführende Untersuchungen aufklären. Die bisherigen Untersuchungen aber reichen der Planungsgesellschaft Boden & Umwelt zu der Aussage: "Bis zur Vorlage entsprechender Ergebnisse sollten bestehende Nutzungen kritisch betrachtet und eingeschränkt werden." Stadtbaurat Heinz Geffken sagte es im Bauausschuß am Donnerstag mit anderen Worten: "als Gartenbesitzer würde ich es in der Nähe der Kläranlage unterlassen, dem Graben Wasser zu entnehmen."

 

Aus dem Harz Kurier vom 23. Februar 1991

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