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"Noch keiner tot umgefallen"

Behörden im Südharz wissen seit Jahren von schwermetallvergifteten Böden.
Die Bevölkerung aber warnen sie nicht.

Bernd Boysen ist um seinen Job nicht zu beneiden. Der Samtgemeindedirektor der Harzstadt Bad Grund wartet vergebens auf einen Ansturm von Kurgästen. Das einst florierende Erzbergwerk "Hilfe Gottes" steht still. Die Gemeindekassen sind leer, die Zukunftsaussichten düster. "Unsere jungen Leute wandern ab", klagt Boysen. Jetzt kommt' s noch schlimmer für den Kommunenchef. Bislang unveröffentlichte Bodenanalysen belegen: Große Teile des Bergstädtchens (3000 Einwohner) sind mit Blei verseucht - ein Erbe aus jahrhundertelangem Erzabbau. Eine ganze Stadt ist auf Blei gebaut. Ein Gutachten aus dem Jahr 1994, das FOCUS vorliegt, hatte der Landkreis Osterode bei einer Ingenieurgemeinschaft in Auftrag gegeben. Darin heißt es: "Die Böden in Bad Grund weisen extreme Schwermetallbelastungen auf, (...) alle Gehalte der Proben übersteigen die vorgegebenen Grenzwerte." Den Höchstwert für Blei in Böden von Wahngebieten setzt das Umweltbundesamt mit 400 Milligramm (mg) pro Kilo (200 mg in Stadtteilen mit Spielplätzen) fest.

Im Moorheilbad Bad Grund maßen Geologen gesundheitsgefährdende Konzentrationen von bis zu 57 800 mg. Die Horrorwerte Im Harzstädtchen schockieren die Mediziner. Rainer Schiele, Professor am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Jena, warnt: "In höheren Konzentrationen schädigt Blei das Nervensystem bei Kindern, bei akut erhöhter Aufnahme können schwere Schädigungen des Gehirns auftreten." Die Kleinen seien vor allem gefährdet, da sie beim Spielen kontaminierten Boden verschlucken könnten. Die Einwohner informierte jahrelang niemand. Der Bad Grunder Hobbygärtner Naci Özdemir wohnt seit 1975 in der Straße Am Georg Stollen in der Nähe eines Kinderspielplatzes. Auf seinem Grundstück pflanzt er Spinat, Kohl und anderes Gemüse. Überschüssige Ernte verschenkt er an Freunde und Bekannte. Von den Bodenanalysen ahnte der frühere Bergarbeiter nichts. In der Nähe von Özdemirs Garten hatte die Gemeinde nach FOCUS-Recherchen Proben entnommen. Das erschreckende Ergebnis: Bleikonzentrationen von bis zu 15 000 mg.

Umweltmediziner Schiele hat "grundsätzliche Bedenken", auf hochbelasteten Böden Gemüse anzubauen. Bleiernes Schweigen. Obwohl Landkreis und Gemeinde von dem brisanten Stoff im Boden seit Jahren wissen, schlagen sie nicht Alarm. "Die Höhe der Belastung ist einfach nicht veröffentlicht worden", so die Göttinger Rechtsanwälte Gerald Windus und Christian Wanke, "weil die Verantwortlichen ein Image als verseuchte Region und das Ausbleiben von Touristen und Kurgästen fürchten." Die Juristen wollen dem Landkreis Osterode jetzt den Prozeß machen. Windus: "Wir bereiten eine Strafanzeige wogen Falschbeurkundung im Amt vor." Der Landkreis habe wider besseres Wissen Bodenbelastungen nicht in Bebauungsplänen und Bodenrichtwertkarten ausgewiesen. Der stellvertretende Oberkreisdirektor Anselm von Blanckenburg spielt den Skandal herunter: "Die Belastung durch die ermittelten Werte ist gering." Wenn Bauherren über eine Kontaminierung ihrer Grundstücke nicht informiert worden seien, trage die Gemeinde die Verantwortung. Doch auch Kommunenchef Bernd Boysen wiegelt ab: "Wir wissen von Schwermetallen im Boden, aber die Konzentrationen sind gesundheitlich unbedenklich." Umweltexperte Thomas Lenius vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hält diese Behauptung für naiv: "Von einer unbedenklichen Konzentration kann keine Rede sein. Bei Werten von über 50 000 Mimgramm lohnt es sich fast, den Boden auszuwaschen und das Blei zu verkaufen." Eine Bodensanierung sei ab Konzentrationen von 400 Milligramm "zwingend erforderlich".

Junge Bauherren im Neubaugebiet Am Taubenborn wissen nichts von den kontaminierten Böden. "Im gesamten Baugenehmigungsverfahren hat man uns nicht über eine Bleigefahr im Boden benachrichtigt", bestätigt Horst Heinemeier, der am Rohbau seines Schwagers mitwerkelt. Der stellvertretende Oberkreisdirektor von Blanckenburg mag nicht als Sündenbock dastehen: "Wir haben 1994 die Bürger, aus deren Gärten wir Proben entnahmen, über die Werte informiert." Wenn die sich jetzt nicht mehr erinnern wollten, "haben sie das wohl verdrängt". Die Haltung der Behörden erbost lokale Öko-Experten. Jürgen Menge, Vorsitzender des Vereins für Umweltschutz im benachbarten Herzberg, klagt: "Der Landkreis hat versucht, die Sache unter den Teppich zu kehren. anstatt nach den erschreckenden Einzelproben flächendeckende Analysen vorzunehmen." Aufgeschreckt durch die FOCUS-Recherchen in der Stadt, berief Gemeindedirektor Boysen eilends eine Krisensitzung ein. "Trotz unserer Bodenprobleme haben wir für Touristen und Kurgäste viel zu bieten", mühte er sich krampfhaft um gute Stimmung: Schließlich, scherzte der Stadtobere, sei wegen der Bleibelastung "noch kein Besucher tot umgefallen".

Jens Nordlohne

Aus dem FOCUS. Ausgabe: 32/1998
Fotos: W. Steche/Visum/FOCUS-Magazin (6), J. Lübke/FOCUS-Magazin