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"Berg gehört auf Sondermülldeponie"

Blei-Belastung

OSTERODE. Der Erdboden auf dem 850 Meter hohen Bergmassiv "Auf dem Acker" mitten im Nationalpark Harz ist so stark mit Blei belastet, daß er eigentlich auf eine Sondermüll-Deponie gebracht werden müßte. Bei Messungen der Niedersächsischen Forstlichen Versuchsanstalt Göttingen wurden Spitzenwerte von 1845 Milligramm Blei pro Kilo Mutterboden gefunden. Das hat der Leiter der Untersuchung, Dr. Gerhard Büttner, am Montag bestätigt. Die Bleibelastung sei damit knapp viermal so hoch wie im ebenfalls geschädigten Solling. Und auch im Vergleich mit anderen Harz-Hochlagen weise der "Acker" eine außerordentlich starke Verseuchung auf.

lm Boden des Höhenzuges befinde sich teilweise mehrere hundert Mal mehr Blei als natürlich wäre, sagte Büttner. "Normal" wäre ein Bleigehalt von zwei bis 60 Milligramm je Kilo Waldboden. Selbst der für Klärschlamm geltende Blei-Grenzwert werde um fast 100 Prozent übertroffen. Klärschlamm müsse ab einer Blei-Belastung von 990 Milligramm pro Kilo als Sondermüll behandelt werden. Wenn man dies zum Maßstab nähme, müßte auch der Boden des ganzen Höhenzuges abgetragen und entsorgt werden, sagte Büttner.

Autoabgase

Ursache für die extrem hohe Bleibelastung sind nach Ansicht des Wissenschaftlers nicht nur Rückstände aus der früheren Bleiverhüttung im Harz, sondern vermutlich vor allem der Eintrag von Schadstoffen, wie bleihaltige Autoabgasen, durch die Luft. Die dem Wind zugewandte Westseite des Bergmassiv sei jedenfalls deutlich stärker mit Blei belastet als die Ostseite. Die einzige Chance, die Auswaschung des giftigen Schwermetalls und damit die Kontamination der Harzer Trinkwasser-Reservoire zu verhindern, sei ein gezieltes Kalken des Bodens.

Die Frage, wie schädlich Pilze und Waldbeeren aus dem bleibelasteten Gebiet für Menschen sind, erübrige sich, meint der Wissenschaftler sarkastisch. Weil das Gebiet unter Naturschutz stehe, dürfe dort ohnehin nichts gepflückt werden. (pid)

 

Aus dem Harz Kurier vom 07. Juni 1994

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